Dominikanische Republik

“Das schönste Land unter den Himmeln…”

Bildatlas Dominikanische Republik“Es esta la tierra más bella bajo los cielos” hatte Christoph Kolumbus im Dezember 1492 begeistert an die Katholischen Majestäten Isabella und Ferdinand geschrieben. Von diesem “schönsten Land unter dem Himmel” hatte der Genuese bis dahin zwar lediglich die palmengesäumte Nordküste Hispaniolas gesehen, aber das geht den vielen Touristen, die sich in den All-inclusive-Resorts von Playa Dorada und Punta Cana ihre karibische Sonnenbräune holen, meist auch nicht anders. Im Gegensatz zu vielen fernöstlichen Urlaubszielen wurde die Dominikanische Republik nicht in erster Linie von Individualreisenden “entdeckt”, sondern von den großen Reiseveranstaltern. Trotzdem hatte die “Dom.Rep.”, wie die Branche recht abschätzig das Lieblingsziel der Deutschen in der Karibik nennen, noch Glück. Viele Bausünden, wie man sie in den siebziger Jahren in Spanien beging, konnten vermieden werden. Wer hier ein Hotel errichten will, muß sich das Fällen jedes Baums einzeln genehmigen lassen und darf nicht über Palmenhöhe hinaus bauen.

“Todo incluido” geht auch anders”

Polyglott on tour Dominikanische RepublikMit anderen Unsitten des modernen Massentourismus tut sich das Land schwerer: “Todo incluido” ist bei den Einheimischen inzwischen ein Reizwort, und das nicht nur bei Taxifahrern, Kellnern, Souvenirhändlern und Zimmermädchen. Hohe Mauern, Zäune und eine Armada von Wachleuten lassen so manchem Gast in dem – nicht unerwünschten – Glauben, daß da draußen eine feindliche Welt lauert, in die man sich allenfalls – wenn überhaupt – mit einem vom Hotel organisierten Ausflug wagen kann. Warum die Touristen soviel Angst vor ihnen haben, können die Dominikaner nicht verstehen. Natürlich will man an den “steinreichen” Gringos (die oft nur mit 100 Dollar Taschengeld angereist sind) auch ein wenig verdienen, ob als Fremdenführer, Schuhputzer oder Zöpfchenflechterin, doch die schönsten Dinge sind fast immer umsonst: das freundliche Gespräch, das ansteckende Lächeln, das hilfsbereite “A sus ordenes” (“Womit kann ich Ihnen dienen?”). Kein neugieriger Tourist, der nicht binnen Minuten eingeladen wird, ob zum Gläschen Rum im Colmado, zum Tänzchen Merengue oder zur Partie Domino auf der Straße.

Vielfalt Hispaniolas

Insight Guide Dominican RepublicIch hatte das Land allerdings schon Anfang der 1980er kennen gelernt, als deutsche Pauschalurlauber dort gänzlich unbekannt waren und die Maschine aus Puerto Rico bei Stromausfall schon mal auf einer Piste landen musste, die von Autoscheinwerfern beleuchtet wurde. Schon im Knaurs Kulturführer Karibik war die Dominikanische Republik natürlich prominent vertreten. Etwas später, nachdem ich für APA Publications in London die englischen Führer APA Insight Guide Bahamas und APA Insight Guide Dominican Republic fotografiert hatte, kam das Angebot aus Hamburg, den Reisetext für den HB Bildatlas Spezial Dominikanische Republik zu schreiben, und es durfte durchaus kritisch sein. Die Dominikanische Republik gilt heute fast als “Mallorca der Karibik”, aber es gibt nach wie vor noch viel zu entdecken.
Die kleinen, aber feinen Hotels außerhalb der großen Resorts müssen ihre Klientel jedenfalls nicht mit vorsaisonalen Last-Minute-Dumpingpreisen locken: Immer mehr Touristen erkunden auf eigene Faust das Land, das so viel mehr zu bieten hat als tropische Traumstrände, so schön diese auch sein mögen. Nur eine halbe Tagesreise trennen die kühlen Nebelwälder des über 3000 Meter hohen Pico Duarte von der flimmernd-heißen Kakteenlandschaft der Enriquillo-Senke, nur zwei Stunden Autofahrt das bizarre Mangrovenlabyrinth Los Haïtises von den “oberbayrisch” wirkenden, mit pastellfarbenen Holzhäuschen gesprenkelten Wiesen und Weiden von La Altagracia und El Seibo.

Haiti – der arme Nachbar

Ein Kapitel ist dem bettelarmen, aber dennoch faszinierenden Nachbarn Haiti gewidmet: eine ganz besondere, extrem intensive und unter die Haut gehende Reiseerfahrung! Das in kultureller Hinsicht vielleicht kreativste Land der Karibik hinterlässt bei den wenigen Besuchern, die sich über die Grenze wagen, eine Mischung aus Schock und Faszination. Hier kämpfen die Menschen nicht um ein klein wenig Wohlstand, sondern ums nackte Überleben. Nur ein Drittel kann lesen und schreiben, lediglich 41 Prozent kommen in den Luxus sauberen Trinkwassers.
Ab und zu legt dann doch ein Kreuzfahrtschiff an der Privatmole am Strand von Labadie an. Für ein paar Stunden gehen verwöhnte Touristen an Land, nicht weit von der Stelle, an der Kolumbus die erste europäische Siedlung der Neuen Welt gründete. Von seinen Lobeshymnen wird man den Kreuzfahrern erzählen, doch in welchem Land sie sich gerade befinden, das unterschlägt man ihnen lieber. Amerikanische Kreuzfahrtlinien sollen ihren Passagieren Routenpläne aushändigen, auf denen der Name Haiti sicherheitshalber nicht genannt wird. Das kann man nur noch mit einem Satz kommentieren, den der große Navigator am 16. Dezember 1492 über die Küste des heutigen Haiti schrieb: “Keiner kann es glauben, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat.”